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Exklusivkrimi

Seit dem 2. März ist es soweit: Die Münstersche Zeitung veröffentlicht jeden Tag eine weitere Folge des Exklusivkrimis "Westfälisches Roulette" über den Mord an Christoph Kesselmann.

Der Publizistikstudent wurde mit einer Giftspritze mitten am Domplatz vergiftet. Doch wer ist der Täter? Oberkommissar Lückmann, sonst immer im Schatten von Sieglinde Züricher, ermittelt.

Und es darf fleissig mitgeraten werden: Tipps und Vermutungen können im Online Diskussionsforum der MZ abgegeben und kommentiert werden. Schöne Fotos von Tatort und  Schauplätzen können außerdem auf die Website der MZ hochgeladen werden.

Wer schließlich glaubt, dem Täter auf der Schliche zu sein, kann eine einwöchige Schifffahrt auf der Donau und einen Besuch in Wien gewinnen!

Mehr Infos zu Krimi, Gewinnspiel, Online-Forum und den Schauplatzbildern der Leser auf der Website der Münsterschen Zeitung! Hier gibt es auch eine genaue Übersicht der Personen und Hauptverdächtigen!

 (Zeichnung: Sebastian Donath, MZ)

Leseprobe

Auch Oberkommissar Max Lückmann im Kommissariat für Todesermittlung hatte sich über diesen sonnigen Vorfrühlingstag seine Gedanken gemacht. Gerade telefonierte er mit seiner Lebensgefährtin Sabine und schlug ihr vor, den Nachmittag blau zu machen, um ins Steinfurter Bagno zu fahren. Sabine, die in einem Kosmetikstudio arbeitete, hatte ihren freien Tag. Als ein Lämpchen in der Leitung ein zweites Gespräch ankündigte, bündelte Max seine Ausflugspläne in dem kurzen, optimistischen Satz: „Wir sehen uns dann um zwei!“ und griff zu dem anderen Hörer. Schon bei den ersten Worten des Anrufers zog er den Schreibblock heran.

„Ein Mordanschlag auf dem Wochenmarkt?“ Lückmanns Stimme war eine Mischung aus Ungläubigkeit und Schock. Sekundenlang standen ihm zwei Metzger vor Augen, ihre scharfen Messer aufeinander gerichtet. Dann fiel ihm auch Subtileres ein: eine straff gezogene Lederschnur vom Esoterikstand, Schafwolle, die man dem Opfer in den Rachen gestopft hatte, ein Blumentopf, an einem Schädel zerschellt. Seitdem Giftmorde im Handumdrehen geklärt werden konnten, reagierte die dunkle Hälfte der Menschheit immer rabiater; Münster machte da keine Ausnahme. Arsen? Kein Thema mehr. Strychnin? Vergesst es, ihr Meuchler. Lückmann ließ sich die bisher bekannten Details des Mordfalls schildern, und währenddessen übersäten seine Notizen den Schreibblock wie eine Armee aus Fliegenbeinen. In seinen ersten Berufsjahren, noch im Streifendienst, hatte er eine Kürzelschrift erfunden, die für seine Kollegen nur schwer zu entziffern war, ihm selbst jedoch ein fast vollständiges Dokumentieren erlaubte. Beruhigt registrierte er, dass der vermutliche Schauplatz des Anschlags bereits ebenso abgesichert war wie der Auffindungsort des Toten, und es gab auch schon einen Zeugen. Nein, nicht am Schauplatz, sondern am Auffindungsort. Gottlob hatte der Tote nur bei dem Käsestand eingekauft, bekräftigte der uniformierte Kollege und schickte einen trockenen Husten durch die Leitung. Nicht auszudenken, wenn sein Rucksack auch noch mit den Produkten von Bäckern und Gemüsebauern gefüllt wäre. Lückmann schob Block und Schreibzeug in seinen eigenen Rucksack, holte den Parka aus dem Schrank und schwang sich im Präsidiumshof aufs Fahrrad.

Wohin zuerst?, fragte er sich und hielt die Nase in dieses unglaubliche Frühlingsgold. Dieses Licht! Diese Luft! Und diese verdammten, liebestollen Vögel! Himmel noch mal, musste ein so prachtvoller Tag durch einen Mord versaut werden? Über aufspritzenden Schneematsch, der auch noch die Gemeinheit besaß, im Sonnenschein hämisch zu glitzern, schlug er den Weg zum Bispinghof ein.

Am Domplatz, so sagte ihm sein vorläufiger Wissensstand, schien die Situation im Griff zu sein. Die schmale Gasse zwischen den Käse- und Obstständen war gesperrt, das anwesende Publikum befragt, der Bereich rund um die Stelle, wo das Opfer in der Warteschlange ausgeharrt hatte, abgesucht. Um die Früchte dieser Aktivitäten würde man sich später kümmern können. Da ging jetzt nichts mehr verloren, ganz egal, welche Spuren vorher vernichtet worden waren. Verdrossen dachte Max an all die klobigen Stiefel, den elenden Matsch, die Abfälle, die hinter den Marktständen zwischengelagert wurden. In Münster brachte der Winter nur selten ausgiebigen Schnee, ausgerechnet diese nasse zweite Februarhälfte verkleisterte ihnen jetzt also einen Mordfall!

Während er sich von der leichten Nordbrise treiben ließ, rekapitulierte er die Fakten über das Opfer. Christoph Kesselmann. Dieser Name würde ihm wochen-, wenn nicht monatelang anhaften wie eine hartnäckige Klette, auch wenn er von der Theorie, dass sich Kripobeamte bedingungslos mit den Opfern ihrer Fälle identifizierten, überhaupt nichts hielt. Diese Menschen taten ihm leid, aber sie verfolgten ihn nicht bis in den Schlaf. Warum hatte dieser Kesselmann keinerlei Gegenmittel bei sich gehabt? Andererseits: Schlüpften Bienen wirklich schon im Februar, so dass Allergiker ihren Spray wieder einstecken mussten? Auf seinem Thermometer am Schlafzimmerfenster, das nach Osten zeigte, hatte er an diesem Morgen sechs Grad in der Sonne abgelesen, doch er wohnte ländlich, in der Innenstadt war es wahrscheinlich noch wärmer. Der Gedanke an das frühmorgendliche, sonnige Schlafzimmer mit Sabine neben ihm glitt ab wie ein Wassertropfen im Trocknungsvorgang einer Waschanlage, als er den Bispinghof erreichte.

Da der Computer-Pool im Untergeschoss, wo Kesselmann Dienst als Hilfswissenschaftler geschoben hatte, vom Ermittlungsdienst durchsucht wurde, blieb Max im Hochparterre. Er hob das grüne Tuch, unter dem der Tote lag, und betrachtete nachdenklich das blasse Gesicht. Das Notarztteam hatte sich bereits verabschiedet, der Sargwagen vom Institut für Rechtsmedizin war unterwegs. Bis auf Niklas Beutler hatte man alle Studenten in die oberen Etagen verbannt, wo sie nach und nach zur Befragung aufgerufen würden. Das Institut war geschlossen wie eine Festung, niemand durfte hinein, niemand kam heraus.

Der Zeuge Beutler, der sich zur Tatzeit angeblich allein im „Pool“ aufgehalten hatte, stand offensichtlich unter Schock. Immer wieder durchfurchten seine Finger den festen, schwarzen Lockenschopf, während er wirres Zeug über ein geklautes Diplomarbeitsthema von Professor Nottbeck stammelte. Das sei doch nie im Leben ein Mordmotiv, und überhaupt habe er „den Christoph“ sehr gern gehabt, und „die Amélie“ hätte man sich notfalls auch teilen können. Lückmann verstand nur Bahnhof, aber ehe er das Rätsel lösen konnte, klappte eine Tür im zweiten Stock, Schritte dröhnten und eine große, kompakte Männergestalt baute sich am Treppengeländer auf.  „Würden Sie mir bitte erklären, was hier vorgeht?“



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