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Tod im Spieker. Sieglinde Zürichers achter Fall

 

Mord auf einer Hochzeitsfeier im Münsterland. Maja, die eigenwillige Schwester der Braut, wurde erdrosselt und ihre Leiche im alten Kornspeicher aufgehängt. Ihre Haare waren abgeschnitten und die Fußsohlen mit Asche gefärbt.

Da keiner der Gäste den Bauernhof unbemerkt verlassen konnten, engt sich der Kreis der Verdächtigen bald ein. Doch jeder von ihnen könnte ein Motiv gehabt haben. Ist Majas einträchtiger Hexenzirkel in Wahrheit eine Schlangengrube? Ist der Mord die Folge eines sorgfältig vertuschten Falls von Kindesmissbrauch? Oder findet sich die Lösung in der jahrhundertealten Geschichte der Hofstätte?

Ein neuer verzwickter Fall für Sieglinde Züricher, deren Ermittlungen sie diesmal bis nach Delft und Den Haag führen.

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Leseprobe

Gegen sechs, als sich ein erster Lichtstreifen am Horizont zeigte, gellte ein Schrei über den Hof, der mich mit einer ordentlichen Portion Adrenalin versorgte. Gerade hatte ich einen ehemaligen Lehrerkollegen von Steinwerck aus der Vernehmung entlassen und die Eckdaten meines nächsten Gesprächspartners überflogen, als sich der Schrei wiederholte und ich mich mit einem entspannten Lächeln zurücklehnte. Im selben Moment stolzierte nämlich ein prächtiger Pfau an der Tennentür vorbei, pickte wählerisch im Sand und schüttelte dann seine schillernde Federnlast wie eine Braut ihre Damastschleppe. Bewundernd blickte ich ihm nach, stellte mir vor, jemand von der Staatsanwaltschaft erschiene in so eitler Aufmachung am Tatort, und wünschte mir gleichzeitig, der Pfau schlüge ein Rad, auf dem sich die Lösung des Falls ablesen ließe wie auf einem magischen Fächer.

Wenig später wurde das majestätische Tier von der Flugstaffel vertrieben. Es starrte wütend nach oben und floh mit gesenktem Kopf, würdelos wie ein Hahn vorm Suppentopf. Das Knattern über unseren Köpfen nervte auch mich. Da half nicht mal die Aussicht, dass uns am Abend Filme und Fotos vorliegen würden. Im Gegenteil! Wenn sie auch nur das kleinste Schlupfloch auf dem Wohngelände von Große Antrup dokumentierten, weitete sich der Täterkreis auf eine Dimension aus, bei der mir der Mut sank.

Max hatte vor fünf Minuten mit Dr. Gross telefoniert und war dann durch die Tennentür verschwunden., um sein Morgen-Jogging zu absolvieren. „Nur ein Stündchen! Sonst werde ich hier verrückt.“

„Lauf nur“, sagte ich. „Aber lass mir deine Vernehmungsprotokolle da. Wir reden dann später.“

Ich beobachtete ihn, wie er sich auf dem schmalen Rasenstreifen neben der Tür streckte und ostentativ durchatmete. Auch mein Kopf rotierte wie ein Wäschetrockner voll nasser Handtücher, und der rechte Fuß war endgültig eingeschlafen. Was mir jetzt gut getan hätte, wäre meine Yogadecke gewesen. Aber sollte ich hier in der Tenne vielleicht eine Kerze aufs Parkett legen, die Hand-an-die-Wand-Übung machen oder mit dem Kamel gegen meinen verspannten Rücken ankämpfen? Schließlich verharrte ich dreißig Sekunden mit Augenrollen, presste anschließend die Handflächen zum Berg zusammen und versuchte danach meine Gesichtsmuskeln mit dem Löwen zu lockern; eine besonders groteske Asana, bei der man die Augen weit aufreißen und die Zunge bis zum Anschlag herausstrecken muss. Doch ob es nun daran lag, dass ich mich am Schauplatz eines Verbrechens befand oder an der Furcht, bei meinen Verrenkungen beobachtet zu werden, meine Gymnastik fand ein schnelles Ende. Stattdessen schlug ich Lückmanns Schreibblock auf und legte seine Protokolle der vergangenen Nacht neben meine. Wie sich herausstellte, hätte die Allerheiligenlitanei in zwei verschiedenen Kirchen nicht identischer sein können als unsere Notizen …

Die Antworten ähnelten einander auf frustrierende Weise. Obwohl es keine Tischordnung gab und die Plätze gewechselt wurden, konnten nur wenige der Befragten Auskunft über längere Abwesenheiten geben. Um viertel nach drei hatten die Cousins und Cousinen der Brautleute ein Programm aus Sketchen, Gedichten und Moritaten vorgetragen, das eine halbe Stunde gedauert und die Festgesellschaft vorübergehend an ihren Plätzen festgehalten hatte. Auch Maja hatte eine Weile zugehört, irgendwann jedoch ihren Stehplatz rechts neben der Tennentür verlassen.

Um vier hatte der Hausherr Hofrundgänge angeregt, auf eigene Faust oder in geführten Gruppen. Mancher männliche Gast hatte längst seine Gürtelschnalle gelockert, während die übergewichtigen Damen nicht mehr wegen der Hitze pusteten. Da waren ein paar Schritte ums Haus genau das Richtige! Wohl kaum einer der gut gelaunten und unternehmungslustigen Gäste hätte sich einfallen lassen, dass jemand dieser Aufforderung auf seine sehr spezielle Art folgen, und dass der Grund fürs nächste Familientreffen eine Beerdigung sein würde – keiner außer dem einen, den wir suchten.