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Rotkehlchen - Todkehlchen. Ein Medaillon vom Prinzipalmarkt

Ein Anhänger mit einem Rotkehlchen zierte die Venezianerketten, mit denen zwei junge Frauen in Münster erdrosselt wurden. Der Schmuck wurde wenige Tage zuvor bei einem Juwelier am Prinzipalmarkt gestohlen. Erste Ermittlungen ergeben, dass die beiden Toten sich aus ihrer Kindheit kannten, doch auch Beziehungsmorde mit zwei verschiedenen Tätern scheinen nicht ausgeschlossen. Sieglinde Zürichers Kollegin Cornelia von der Kriminaltechnik findet eine neue Spur, als sie ein Internet-Quiz aufdeckt, das die Opfer in eine tödliche Falle gelockt haben könnte. Sie und Sieglinde klinken sich in das Spiel ein, das zunächst wie eine harmlose Schnitzeljagd durch die münsterschen Museen erscheint. Dann verschwindet Cornelia ...

In ihrem zehnten „Sieglinde Züricher“ spinnt Ursula Meyer geschickt ein Netz aus Gerüchten und Geheimnissen rund um Münster, das Leserinnen und Leser sofort fesselt. Die dramatische Jagd nach dem vermeintlichen Täter führt u.a. durch das Lackmuseum; auch im Stadtmuseum und im Landesmuseum finden sich seine Spuren.

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Leseprobe

Der Juwelier stand schon auf der Schwelle zum Wohnzimmer. Er wandte sich um und sagte in fast andächtigem Ton: „Ach, die Miniaturen! Die stammen von meiner Frau. Aber kommen Sie doch weiter. Ich habe Tee zubereitet.“
Der Tee wurde kalt, weil Eibenbrinck mich schon im nächsten Moment wie von einem Wahn geschüttelt am Arm packte und verlangte, ich solle jetzt sofort mit ihm in den Laden gehen. „Herrgott! Ich bin noch immer ganz durcheinander! Genau das ist es ja, weshalb ich Sie herbestellt habe! Unten im Laden liegen diese Miniaturen als emaillierte Schmuckanhänger. Wenn die ebenfalls gestohlen wurden!“
Er hastete vor mir her die enge Treppe hinunter, und seine Hand zitterte, als er die Tür zum Hinterzimmer des Geschäfts aufschloss. Sein Schritt schlappte, während wir den kleinen Raum durchquerten. Er entriegelte auch die Ladentür und trat dann einen Schritt zurück.
„Das Wandschränkchen links“, sagte er mit brüchiger Stimme. „Ich halte es immer gut verschlossen, aber an dem Tag, als diese Banditen kamen, um mich zu erschießen, habe ich es mittags aufgemacht, weil ich die kleinen Anhänger mal wieder in die Hand nehmen wollte. Bitte, sehen Sie nach, ob sie noch da sind.“
Für jeden, der den Laden von der Straße her betrat, hing das weiß lackierte Metallkästchen gut versteckt, doch von gut verschlossen konnte keine Rede sein, weil der Schlüssel steckte. Vergeblich fragte ich mich, warum Eibenbrinck den Schmuck nicht im Safe lagerte, wenn er ihm so viel bedeutete. Auch meine Hand wurde jetzt fahrig, als ich dünne Baumwollhandschuhe überstreifte und enge Latexhandschuhe darüber zog. Meine Hände waren vor Aufregung ganz feucht, und das Plastikzeug war leider nicht immer so undurchlässig, dass sich eigene Prints vermeiden ließen. Ich drehte den Schlüssel um, atmete tief durch und sagte: „Da sind ... acht silberfarbene Pappkästchen. Soll ich reinschauen?“
„Bitte!“
In jedem Kästchen lag auf rotem Samt ein kleiner emaillierter Schmuckanhänger. „Zwei Buchfinken, drei Kohlmeisen und drei Distelfinken“, zählte ich auf und hoffte, dass Eibenbrinck mir meinen Schock nicht anmerkte: die Größe von etwa zwei Zentimetern im Durchmesser stimmte, die kräftigen Emailfarben, die schwarzen, leicht erhabenen Knopfaugen. „Ich nehme jedenfalls an, dass es Distelfinken sind“, sagte ich leichthin, „ich kenne mich da nicht so aus.“
„Und die Rotkehlchen?“ Seine Stimme klang beinahe drohend.„Rotkehlchen sehe ich nicht.“ Ich versuchte weiter, locker zu bleiben. „Wie viele waren am Montagmittag denn noch da?“ „Zwei. Ich mochte sie besonders gern, sie waren Hilde so gut gelungen.“