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Rosen aus Münster. Sieglinde Zürichers dritter Fall

…Eine Tote im Pool, eine mit ihrem Kopfkissen erstickte Frau, ein mysteriöser Sturz von der Treppe – im Seniorenstift "Haus Nettelbeck" fängt die Vorweihnachtszeit alles andere als besinnlich an.

Der Todesfall der Rosenzüchterin Helene Abraham stellt Sieglinde Züricher, Hauptkommissarin bei der Münsteraner Polizei, zunächst vor ein großes Rätsel und eine schweigsam-verbohrte Altenclique. War es am Ende doch ein Selbstmord? Welchen Grund gab es, eine alte Frau in ihrem Bett zu ersticken? Je mehr Sieglinde recherchiert, desto klarer wird, dass das Motiv in der Vergangenheit zu suchen ist, einer Vergangenheit, an die keiner mehr rühren wollte.

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Leseprobe

Auf den Stufen vor dem Haupteingang kam mir Herr Rieder entgegen. Er sah erschöpft aus. „Sind Sie nicht beim Mittagessen?“, fragte ich.

Sein Blick wirkte verloren. „Ich bringe keinen Bissen hinunter, schon seit Tagen nicht. Gestern habe ich meinen Hund zum Kleintierfriedhof gebracht."

„Das tut mir leid!“

„Jetzt habe ich niemanden mehr! Erst die Helene, jetzt die Juppi. Und wissen Sie“, er kam einen Schritt näher, „das Schlimme ist, dass ich es in meiner Wohnung nicht mehr aushalte. Der Platz, wo sie gelegen hat, ist so leer, dauernd muss ich draußen herumlaufen, und wenn ich draußen bin, dann fehlt mir wieder die Helene. Die Blautanne, Sie verstehen …“ Er warf mir einen ziemlich verwirrten Blick zu, und einen Moment lang überlegte ich, ob es nicht besser wäre, die Rezeption zu benachrichtigen, aber dann kam mir eine andere Idee. Was der Mann brauchte, war ein Gespräch.

„Gehen Sie ein Stück mit mir“, schlug ich vor. „Das Wetter ist schön, ich habe zwar nur eine Tüte Spekulatius in der Tasche, aber wenn Ihnen das als Proviant reicht, dann machen wir eine Runde, und Sie reden sich Ihren Kummer von der Seele.“ Er nickte.

„Warum suchen Sie sich keinen neuen Wandergefährten?“, fragte ich, während wir langsam an den Fenstern des Hallenbads vorbeigingen. Es gibt doch hier so viele einsame Menschen.“ Dabei glitt mein Blick unwillkürlich über die winterlich leeren Balkons. Nur wenige trugen etwas Weihnachtsschmuck, einen Meisenring oder winterharte Stauden, die Mehrheit der Brüstungen war völlig kahl.

Er brauchte Zeit für seine Antwort.  „Es ist nicht so, dass man nicht angesprochen würde. Und in den ersten Tagen nach Helenes Tod bin ich ja auch regelmäßig in die Cafeteria gegangen, aber diese Harmonie mit ihr und mit meinem Hund werde ich wohl nie wieder finden.“

Er steuerte auf eine Bank zu, und ich setzte mich neben ihn.

„Wer hat Sie denn angesprochen?“

„Kennen Sie Frau Brede?“ Er bediente sich aus der Spekulatiustüte zwischen uns.

„Ja“, nickte ich. „Sie führt Regie bei dem Theaterstück.“

Zu meiner Überraschung kicherte er plötzlich, und ich begann mir schon wieder Sorgen über seine geistige Verfassung zu machen.

„Sie wollte mich für eine Rolle haben. Ich hätte so einen Charakterkopf! Aber ich habe nie in meinem Leben Theater gespielt. Einen Text auswendig zu lernen, das würde ich gar nicht mehr schaffen. Und dann das Lampenfieber …“

„Für welche Rolle wollte sie Sie haben?“

„Kennen Sie das Stück?“

„Natürlich. Und ich komme auch zur Aufführung.“

„Tun Sie das! Es wäre schön, viel Publikum von draußen zu haben. Das macht unser Haus so lebendig.“ (…)

„Frau Brede mag Sie wohl sehr gern.“

„Schon möglich“, knurrte er, „aber ich mag sie nicht. Sie ist mir zu aufdringlich, und dann dieses Parfum … Aber das bleibt natürlich unter uns.“

„Natürlich!“, beschwichtigte ich ihn. „War sie auch schon … aufdringlich, bevor Frau Abraham starb?“

Er nickte. „Als wir auf den Bus nach Freckenhorst warteten, draußen am Haupteingang, Sie wissen schon, das war die Fahrt, auf der ich Helene kennen lernte, da hat sie sich so … produziert. Ich weiß nicht, was mich an ihr gestört hat, jedenfalls wirkte Helene richtig fein und vornehm neben ihr. Ja, und jetzt ist sie tot.“ Er bohrte mit seinem Spazierstock Löcher in den Sand.