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Pferd ohne Reiter. Max Lückmann ermittelt.

Sie träumten beide vom großen Geld. Der Münsterländer Bauer Anton Schiebach wollte seinen heruntergewirtschafteten Hof in einen Nachtclub verwandeln, die ukrainische Reinigungskraft Natascha Lumarenko einen lukrativen Kurierdienst übernehmen. Als sie im Abstand von drei Tagen ermordet werden, kann Oberkommissar Max Lückmann zunächst keinen Zusammenhang erkennen. Das soziale Umfeld der Opfer und die möglichen Tatmotive könnten unterschiedlicher nicht sein.

Wenig später stirbt die Galeristin Marion Vondembusche während einer Opernaufführung im Stadttheater. Todesursache: ein Muschelsandwich. Damit scheinen die Fälle noch weiter auseinanderzudriften. Erst als ein neues Beweisstück überraschende Zusammenhänge ins Spiel bringt, scheint eine Verkettung aller drei Fälle möglich.

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Aus dem weitläufigen Feuchtgebiet hinter ihr drang das verschlafene Quaken einer Ente, und im Gras tackerten federleicht die Grillen. Die Luft roch nach Moder, und in der Dämmerung zeichnete sich das Gebüsch nur noch undeutlich ab. Schlimmer als völlige Dunkelheit. Andererseits waren in der Dämmerung manchmal noch Jogger unterwegs oder Hundehalter. Wie gut wäre es zu wissen, dass andere Menschen in der Nähe waren. Dass manche Menschen weder Laufschuhe an den Füßen noch einen Hund an der Leine hatten und nicht aus Freude am Sport oder aus Tierliebe unterwegs waren, daran dachte sie lieber nicht.

Rechts tauchte das Hotel Wienburg auf, goldgelbes Licht, das Klappen von Autotüren, Stimmen und Gelächter. Einen Moment dort sitzen können, dachte sie, bei einem Tee oder einer Cola. Doch was nützte ihr das? Jemand wartete auf die Kaution, und sie brauchte den Vertrag und den Wagenschlüssel.

Wenn mir im Anschluss an diese Teepause etwas zustieße, überlegte sie, würde man sich im Hotel an mich erinnern. Der Kellner könnte mich auf dem Zeitungsfoto identifizieren. Nur: Was würde man in der Zeitung über sie berichten? Adrenalin schoss durch ihre Adern, als sie an die Möglichkeit eines Überfalls dachte. Wie leichtsinnig, mit so viel Geld durch diese einsame Gegend zu gehen. Warum hatte die Frau am Telefon sie nicht nach ihrem Wunsch bezüglich Treffpunkt und Uhrzeit gefragt, sondern gleich den Holzpavillon im Wienburgpark um halb zehn vorgeschlagen? Wer kannte ihre Angewohnheiten? Wer beobachtete und verfolgte sie?

Völlig zu Recht erinnerte sie ihre innere Stimme, dass sie den Treffpunkt akzeptiert hatte, weil sie um diese Zeit regelmäßig durch den Park ging. Ein Café in der Innenstadt wäre weniger riskant gewesen, hätte aber eine Stunde Verspätung und lästige Fragen zu Hause bedeutet, während die Zwillinge längst schliefen so dass sie ihnen keine Gute Nacht mehr wünschen konnte. Warum sollte der Park heute gefährlicher sein als gestern oder morgen?

Hinter der Wegbiegung lag etwas. Groß, dunkel, quer zur Laufrichtung: eine Katze oder ein Fuchs. Sofort dachte sie an ihre Katze in Kiew, die Andrej an einem Schuppen erschlagen hatte, weil die Verwandtschaft sie nicht nehmen wollte. Wie lang es gedauert hatte, bis sie verendet war, und all die Lügen, die sie später den Zwillingen erzählen musste … Wer in Münster wusste davon? Die Menschen im Westen wurden sentimental, wenn es um die Natur ging. Klimaschutz, Tierschutz, Pflanzenschutz. Wer schützte eigentlich ihre Kinder, wenn sie zur Schule gingen? …

Im diesem Moment sprang sie jemand von hinten an, lautlos wie ein Raubtier. Nataschas Schrei wurde von einer Hand erstickt, die ihr die Kehle zudrückte, während die andere ihren Kopf an den Haaren in den Nacken zog. Der sternenübersäte Himmel schwamm vor ihren Augen, Lichtpunkte zuckten hindurch, dann verwischten Tränen ihren Blick. Sie versuchte, nach ihrem Angreifer zu treten, doch ihr Jeansrock war zu eng, sie hörte die Nähte krachen. Und die weichen Slipper trafen, aber sie verletzten nicht. Als ihre Kehle frei wurde, versuchte sie mit einer ruckartigen Bewegung von Schultern und Armen den Angreifer abzuwehren. Doch die Hand kehrte sofort zurück, um sich wieder in ihrem dichten Haarschopf zu verkrallen, dann schnürte ihr ein schmales, hartes Band den Hals zu. Natascha hörte sich keuchen und würgen, der Druck im Kopf explodierte in einem entsetzlichen Schmerz. Ihre Augen schienen aus den Höhlen zu platzen. Dann wurde der Himmel über ihr schwarz, als hätte man ihn mit einem Tuch verhüllt. Merkwürdig, dachte sie noch, die Fotografen haben sich früher hinter einem schwarzen Tuch verkrochen. Das Letzte, was sie spürte, war der harte Asphalt, als sie mit dem Hinterkopf aufschlug.