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Münster Weimar und zurück. Sieglinde Zürichers zweiter Fall

Bei einem Schulausflug zur Burg Hülshoff verschwindet auf rätselhafte Weise ein junges Mädchen und wird kurz darauf tot im Wald gefunden. Erste Nachforschungen ergeben, dass Katharinas Familie aus Weimar stammt und dass sie selbst kurz vor ihrer Ermordung Kontakte nach Ostberlin hatte. War sie Dingen aus der Vergangenheit auf der Spur, die sie besser unangetastet gelassen hätte? Oder ist es eher die Gegenwart in ihrer Wahlheimat Münster, die sie in tödliche Bedrängnis brachte?

Viele Fährten führen Sieglinde Züricher durch Münster und nach Thüringen. Dabei müsste sie dringend ihr Privatleben regeln …

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Leseprobe

Im Café Nebelung wurde auch um halb drei noch der eine oder andere Imbiß serviert. Eine schwarz gekleidete Kellnerin mit weißer Rüschenschürze trug mehrere große Teller zu den Tischen auf dem Bürgersteig. In der Konditorei, vom Café durch eine gläserne Schwingtür mit dem Namenszug Nebelung in schnörkeligen Goldlettern getrennt, warteten die Kunden in drei Reihen, und hinter der Theke stand Katharinas Mutter. Ich fing die Kellnerin ab, als sie neue Bestellungen in die Kasse eintippte, und sie brachte mich in die Küche, wo ein junger Mann am Herd hantierte. Durch die halboffene Tür sah ich, wie sie mit Katharinas Mutter redete, Frau Nebelung fuhr herum, erkannte mich, und für Sekunden war ihr Gesicht ein stummer Schrei. Dann drehte sie sich abrupt zur Kundschaft um und fuhr fort, Obstschnitten von einem schwarzen Blech auf ein Papptablett zu heben. Die nächste Kundin rückte nach, aber Katharinas Mutter sagte: „Einen Augenblick bitte. Ich bin gleich wieder da!“ Damit stieß sie die Tür zur Küche auf und stand vor mir. Sie sagte zu der Auszubildenden, die gerade einen Stapel benutzten Geschirrs hereinbrachte, mit kippender Stimme:  „Marlene soll im Laden weitermachen, und du bedienst allein im Café.“ Dann sackte sie auf einen der Stühle, die den ovalen Küchentisch umstanden, schlug die Hände vors Gesicht und begann lautlos zu weinen. Der Koch warf uns einen scheuen Blick zu und verschwand. Die Kellnerin, die den Platz hinter der Theke übernommen hatte, zog geräuschlos die Küchentür ins Schloß, und mir blieb vorläufig nichts anderes zu tun, als stumm neben Frau Nebelung zu sitzen. Ich wußte, daß es das Beste war, sie weinen zu lassen, bis der erste Schock vorüber war.

Frau Nebelung weinte lange. Ich betrachtete ihren gebeugten Nacken, das krause Haar, in dem sich erste graue Fäden zeigten, die Hände, die das Gesicht bedeckten und verrieten, daß sie an hartes Zupacken gewöhnt war. Ich ließ meinen Blick über die bauchige, chromblinkende Kaffeemaschine wandern und den Geschirrspüler daneben und nahm, ohne sie wirklich zu sehen, Großpackungen mit Würfelzucker wahr, Gastronomieflaschen mit Kondensmilch, Kartons für Papierservietten und Untertassendeckchen.

Nebelung hob den Kopf. „Wo?“ flüsterte sie.

„Nicht weit vom Ausflugsziel, bei der Burg Hülshoff. Auf der anderen Straßenseite ist ein größeres Waldstück.“

„Was haben sie mit ihr gemacht?“ Ihre Oberlippe zitterte.

„Wir müssen die Untersuchungsergebnisse abwarten. Ich kann Ihnen noch nicht viel sagen.“ Für Sekunden verdrängte ich die Erinnerung an Katharinas blinde Augäpfel und die Würgemale am Hals. Neben ihrer Mutter sitzend, dachte ich statt dessen an die Möglichkeit, daß sie auf der falschen Seite des Rüschenfeldes herausgekommen und zu dem falschen Autofahrer eingestiegen war. Hatte sie denn niemand vor dem Trampen gewarnt?

„Hatte er eine Waffe?“

„Eine Strumpfhose oder einen Schal. Es könnte auch eine Täterin gewesen sein.“ (…)

 

An der Hintertür rasselte ein Schlüsselbund, dann erschien ein schmächtiger Mann im Türrahmen. Frau Nebelung warf ihm einen scheuen Blick zu.

„Und?“

Der Mann sackte auf den Stuhl neben ihr, fuhr sich mit der Hand über die Augen und schüttelte den Kopf.

„Warum?“ flüsterte er, „warum nur?“ Tränen rannen über sein Gesicht, und er wischte sie nicht weg.

Eine Weile saßen wir still am Tisch.

„Sah sie … schlimm aus?“ fragte Frau Nebelung.

Ihr Mann schüttelte wieder den Kopf, starrte ins Leere und man wußte nicht, ob seine Kopfbewegung eine Antwort auf die Frage war oder Ausdruck seiner Verzweiflung.

„Sie wollen sie obduzieren. Dabei wissen sie doch, woran sie gestorben ist, oder?“ Jetzt sah er mich an, aus hellgrauen, nassen Augen. „Mein Kind wollen sie aufschneiden und drin herumwühlen. Wem nützt das eigentlich außer diesen neugierigen Wissenschaftlern?“

„Das ist leider Pflicht, Herr Nebelung!“

„Pflicht? Ihre Pflicht wäre es gewesen, sie zu schützen!“ Jetzt schrie er beinahe.

„Ich verstehe ja, daß Sie verbittert sind. Aber Sie wissen genauso gut wie ich, daß man junge Leute nicht ständig schützen kann. Meine Tochter ist erst neun, und nicht einmal sie ist ständig unter Aufsicht.“

Er machte eine abwehrende Handbewegung. „Wollen Sie damit sagen, daß wir sie zum Leichtsinn erzogen haben? Man tut und macht, was man kann, aber die Polizei kommt immer erst, wenn es schon zu spät ist.“

Seine Frau versuchte, ihn zu beruhigen. „Walter, die Kommissarin will uns doch nur helfen!“

Statt einer Antwort stand er auf, verließ die Küche und zog die Hintertür mit einem Knall ins Schloß.