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Endstation Aasee. Ein Münsterkrimi mit Sieglinde Züricher


Der Tod eines Münsteraner Prominenten - Schulleiter, Musiker, Kunstsammler und Kommunalpolitiker - wirft für Sieglinde Züricher, soeben zur Münsteraner Polizei übergewechselt, zahlreiche Rätsel auf: Handelt es sich bei dem Mord an Rehberg um einen Racheakt, oder ist er die Folge eines familiären Dramas, dem auch sein Sohn Christian zum Opfer gefallen ist?


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Leseprobe

Ein Windstoß fuhr durch Rehbergs Garten, brachte die Thujen am Zaun zum Schwanken und riß an den dünnen, lang herabhängenden Zweigen der Rankpflanzen, die die Frontseite des Hauses überzog. Ich fröstelte, und mit der Kälte kroch ein anderes Gefühl hoch, nicht weniger ungemütlich. Und wenn Frau Rehberg gar nicht mehr in der Lage war, die Haustür zu öffnen? Ich hatte plötzlich wieder das aufgedunsene Gesicht des toten Rehberg vor Augen. War seine Frau das nächste Opfer? Erwürgt, erstochen, erschossen? Vergiftet ja wohl nicht! Das Zyankali war aufgebraucht.

Ich öffnete die Autotür und rief das Präsidium an, nicht das Morddezernat, sondern die Zentrale für die uniformierten Kollegen.

„Ich brauche einen von Ihren Leuten“, sagte ich dem Einsatzleiter, der den Anruf entgegennahm. „Ich bin am Schulteweg vor Dr. Rehbergs Haus. Seine Witwe hatte mich für halb zehn herbestellt, aber sie macht nicht auf.“

„Sie wird noch unterwegs sein“, gab der Mann zur Antwort. „Warten Sie, sie bekommt bestimmt.“

„Hören Sie zu!“ sagte ich, wütend, weil ich genau wusste, wie die Antwort ausgefallen wäre, wenn mein Vorgänger Verstärkung angefordert hätte. „Sie hat mich dreimal hintereinander aufgefordert, auf die Minute pünktlich zu sein, weil sie später eine Verabredung hat. Außerdem kenne ich sie. Sie läßt einen nicht warten!“

„Und was wollen Sie tun?“

„Ihre Tür mit Gewalt öffnen! Ich fürchte, daß ihr etwas zugestoßen ist. Aber ich hätte lieber jemanden dabei.“ (…)

„Ich schicke den Kollegen Hölters.“

Die Warterei wurde langweilig. Und nervenzerrend, sobald ich mir vorzustellen versuchte, was den Wachtmeister und mich im Hausinneren erwartete. Warum wurden in Kriminalfilmen von den Opfern, vor allem den weiblichen, als erstes die Beine gezeigt? Aus unerklärlichen Gründen waren immer sie es, die in hochhackigen Pumps, Hauspantoffeln oder unbekleidet unter einem Bett, hinter einem Sofa oder neben einer offen stehenden Zimmertür herausragten. Mit steif aufgestellten Zehen. Bei dem Gedanken, Rehbergs Witwe so wiederzubegegnen, wurde mir beinahe schlecht.

Erst jetzt fielen mir die neuerlich schwankenden Thujen auf, diesmal am Zaun des Nachbargrundstücks und ohne jede Windeinwirkung. Zwischen den Büschen tauchte ein Gesicht auf.

„He, junge Frau! Fräulein!“

Ich ging zu ihm. Der Nachbar war ein älterer Mann mit eisgrauem Vollbart und hellen, kurzsichtig wirkenden Augen.

„Sie sind von der Polizei? Ich hätte Ihnen was zu sagen. Aber …“ Er beugte sich über den Zaun und sah die Straße hinunter. Weit und breit war kein Mensch zu sehen.

„Könnten Sie vielleicht ins Haus kommen?“ wisperte er. „Hilpert ist mein Name.“

Ich folgte ihm, blieb aber am Flurfenster stehen, um den Kollegen Hölters nicht zu verpassen.

„Meine Frau ist nicht da. Deshalb kann ich reden. Sie wollte nicht, daß wir eine Aussage machen. Wer will schon in eine so widerwärtige Geschichte hineingezogen werden?“

„Was haben Sie denn zu sagen?“

Jetzt sah er sich sogar im eigenen Haus um, ob es ungebetene Zeugen gäbe. Aber wir waren allein.

„An dem Sonntag abend, bevor Dr. Rehberg umgekommen ist, hat es nebenan einen Riesenstreit gegeben.“

„Er hatte Besuch?“

Der Alte nickte.

„Von wem?“

„Ich kannte ihn nicht.“

“War es ein Mann?“

Wieder nickte er.

„Und worüber haben sie gestritten?“

Er rieb sich mit einem knisternden Geräusch das bärtige Kinn. „Also viel haben wir nicht verstanden, meine Frau und ich. Dabei hat sie noch extra das Fenster im Gästeklo aufgemacht, damit wir mehr hören konnten.“

„Sind Sie sicher, daß es nicht der Fernseher war, den Rehberg zu laut gestellt hatte?“

Er warf mir einen Blick zu, als wollte er mich daran erinnern, daß es in Münster eine Irrenanstalt gab.

„Ich kenn doch Rehbergs Stimme! Vor allem, wenn er wieder einmal …“ Er machte mit Daumen und Zeigefinger eine Bewegung, als kippte er ein Glas an den Mund.