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Die Tote vom Hörster Friedhof. Sieglinde Zürichers neunter Fall

Ein neuer Chef, eine neue Wohnung, Tochter Kerstin zieht in eine WG – für Sieglinde Züricher beginnt der Herbst stürmisch. Gerade sind die Ermittlungen im Mord an der jungen Buchhändlerin Sandra Küng auf dem Hörster Friedhof angelaufen, da wird der renommierte Herzchirurg Hans-Peter Eberbach tot an seinem Schreibtisch gefunden. Da er von einer offensichtlich geistesgestörten Frau verfolgt wurde, erinnert sich Hauptkommissarin Züricher an die Ermordung eines Neurologen in Niendorf/Ostsee vor drei Monaten. Die Tatumstände ähneln einander frappierend, und Sandra Küng hielt sich zur Tatzeit in Niendorf auf. Was hat ihr Tod mit dem Verbrechen an den beiden Ärzten zu tun? Und wer ist die Stalkerin Evelyn?


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Leseprobe

 

Obwohl er damit rechnen konnte, in den nächsten Stunden alle Protokolle auf seinen Tisch zu bekommen, hatte sich unser neuer Chef eifrig Notizen gemacht. In meinen Augen verlieh ihm diese ungestüme Notierwut etwas Streberhaftes, das zu seinem dunkelblauen Kommunionanzug passte. Er überflog seine voll geschriebenen DIN A 4 Seiten, als wollte er sicher gehen, dass er seine Fleißaufgaben pflichtgemäß absolviert hatte, dann entließ er uns mit einer wedelnden Handbewegung und dem kommandoartigen Hinweis auf das Meeting in einer halben Stunde. Seiner sonoren Bariton-Stimme zum Trotz, wirkte er dabei wie ein kleiner Junge, diesmal wie einer, der mit Zornestränen drohte, wenn nicht alle seiner Geburtstagseinladung folgten. Gehörte er vielleicht zu jenen Charakteren, die sich bis ins Alter eine gewisse Kindsköpfigkeit bewahrten und noch stolz darauf waren? Max redete bereits mit Hilly im Vorzimmer, als Sonnhagen mich zurück rief. „Züricher!“
Ich zuckte zusammen, obwohl ich meinen Nachnamen wirklich mag. Befanden wir uns hier auf dem Truppenübungsplatz?
„Herr Dr. Sonnhagen?“ Gelang mir das Lächeln wirklich so souverän, wie ich es mir wünschte?
„Haben Sie für heute Abend schon irgendwelche privaten Pläne?“
„Ich bezweifle, dass ich heute einen privaten Abend haben werde. Am ersten Tag eines neuen Falls sind wir hier in Münster im Allgemeinen sehr beschäftigt. Und berufen Sie nicht ein Meeting für elf Uhr ein? Dann fällt auch die Mittagspause flach, aber eine warme Mahlzeit müssen Sie Ihren Mitarbeitern schon einräumen. Sonst arbeiten unsere Dachstübchen nicht mehr richtig.“
Vorsichtshalber, um ihm nicht die Laune zu verderben, erinnerte ich ihn nicht daran, dass er Max und mir auch noch die Bekanntmachung des Meetings um elf aufgebuckelt hatte. Als wären wir seine Laufburschen. Schließlich gab es schlimmstenfalls auch die Möglichkeit, eine Sammelmail herumzuschicken.
Er winkte lässig ab. „Die Besprechung ist spätestens um zwölf vorbei. Dafür sorge ich schon! Sollen die Herren und Damen Kollegen doch erstmal weitere Fakten sammeln!“ 
„Zumindest zu den Damen gehöre ich auch. Und welche Verwendung hätten Sie überhaupt heute Abend für mich?“ Vielleicht sämtliche Schuhe putzen oder schnell ein paar Hemden bügeln, weil er noch keine Haushälterin gefunden hatte? So anspruchsvoll, wie sich dieser Typ gebärdete, hatte ich ja nicht mal meinen Vorgesetzten bei der Münchener Sitte erlebt. Doch meine gereizte Stimme irritierte ihn kein bisschen.
„Ich möchte mit Ihnen essen gehen“, konterte er mit so verheißungsvoller Mimik, als hätte in Münsters Innenstadt über Nacht ein Gourmettempel aufgemacht, den man keinesfalls verpassen durfte, bevor sich die Speisekarte auf das Wald- und Wiesenprogramm der Studentenkneipen nivellierte. Vielleicht konnte er Gedanken lesen, denn er setzte prompt nach: „Kennen Sie sich in Münsters Gastronomie aus?“ (…)  
„Ich würde“, hörte ich mich zu meiner eigenen Verblüffung und völlig gegen meinen Willen sagen, „das Landhaus Schulte-Bracht vorschlagen. Es liegt stadtauswärts an  der Grevener Straße, und wenn Sie wollen, fahre ich Sie hin. Dann können Sie ein Glas Wein trinken oder ein Bier.“ Gütiger Gott, was war denn los mit mir, dass ich seinen Herrschaftsansprüchen auch noch entgegenkam? Wirkte der erste Schock nach unserem neuen Mordfall etwa noch immer? Der Anblick der toten Sandra Küng hatte sich in meine Netzhaut eingebrannt. Wie nach einem Blick des ungeschützten Auges in eine Sonnenfinsternis flackerte das Negativbild ihrer Leiche auf, sogar wenn ich gar nicht an sie dachte.   
„Fein!“, entgegnete er selbstzufrieden. So musste in alten Zeiten der Besitzer einer Bananenplantage geklungen haben, wenn sein Kutscher vor dem säulenverzierten Hauptportal hielt, um ihn zu heimlichen Vergnügungen in die nächste Stadt zu fahren.
„Und was mache ich mit der Befragung von Mathias Küng? Was, wenn er nur heute Abend Zeit hat?“
„Sie meinen den Bruder des Mordopfers? Erledigen Sie das heute Nachmittag. Der Bursche ist dazu verpflichtet, den ganzen Tag auf uns zu warten.“ Er winkte mich näher an den Schreibtisch und raunte: „Verstehen Sie doch, Frau Kollegin. Ich möchte einen Überblick über unsere Abteilung gewinnen. Den verschaffen Sie mir bei einem gemeinsamen Essen. Am Montag ist Ihr Assistent Lückmann an der Reihe. Ich meine mit dem Arbeitsessen.“
„Mein Kollege Lückmann, Herr Doktor Sonnhagen!“
Er wedelte mit der Hand, als verjagte er eine Fliege. „Also, um sieben ist Aufbruch zu diesem Landhaus … Wie hieß es doch gleich? Und wenn Sie in diesem Fresstempel einigermaßen bekannt sind, dann sorgen Sie doch bitte dafür, dass wir schnell bedient werden. Wie sieht denn übrigens die Speisekarte aus?“
Ich schenkte ihm ein zynisches Lächeln. „Es klingt seltsam, aber manchmal enthalten unsere Polizeiakten mehr Informationen als die Broschüre ‚Münster geht aus’. Und Sie bekommen sie sogar kostenlos.“