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Der Tod kennt keinen Stundenplan. Sieglinde Zürichers siebter Fall

Aschermittwoch in Münster. Während die städtische Reinigung den Unrat der drei tollen Tage in die Gosse fegt, wird draußen vor der Stadt die Leiche von Olaf Degenhart aus der Werse gezogen – vermisst seit einer Karnevalsparty. Der Geschäftsführer eines exklusiven Lyrikverlags war ein wortgewaltiger Kritiker der Kulturszene und hatte viele Feinde. Auch der rätselhafte Tod seiner Frau vor acht Jahren wirft wieder lange Schatten. Fiel Degenhart einer späten Rache zum Opfer, einer Palastrevolte in seinem Verlag oder einer unbeglichenen Rechnung in seiner Nachbarschaft? Eine Dienstreise nach Paris und ein altes Video bringen Licht ins Dunkel.

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Die männliche Leiche hatte eine helle Narbe am linken Handgelenk. Frau Degenhart warf einen kurzen Blick auf den bis zur Taille entblößten Körper, nickte knapp, wandte sich wortlos ab und presste ihr Taschentuch vor den Mund. Die Gegenüberstellung hatte sie offenbar so mitgenommen, dass wir beschlossen, sie nach Hause zu bringen. Unsere Frage, ob sie weitere Hilfe benötige, verneinte sie allerdings, und so nahmen wir unsere Fragenliste aus dem Handschuhfach und schellten bei den Nachbarn.

Wie am Tag zuvor begann ich in Haus A. Wieder saßen wir um einen mit Schüsseln, Tupperwarebehältern und Schneidbrettern voll gestellten Küchentisch, es roch leicht metallisch nach Räucherfisch. Der Auftraggeber des Büffets war ein Architektenteam in Sankt Mauritz; die recht umfangreiche Bestellung hing an der Pinnwand. Wo blieben die Einschränkungen der Fastenzeit?

Meine Frage nach dem nachbarschaftlichen Verhältnis des O.B.Y.-Teams zu Olaf Degenhart löste gleichgültiges Schulterzucken aus, bis Bella mit einer gewissen Frustriertheit bemerkte, dass er ihre Cateringdienste nie in Anspruch genommen habe, obwohl es in seinem Verlag jede Menge Events gebe. Dass man Degenhart in der Werse gefunden hatte, wussten die drei noch nicht und sie reagierten cool. Der Querulant hatte ihnen, Kupfer und den beiden Varietékünstlern die Party vermasselt, und jetzt war er tot. Kismet!

„Vielleicht hatte er eine Freundin und deren Ehemann hat ihn aus Eifersucht umgebracht“, mutmaßte Olivia in einem Tonfall, als trüge sie eine Szene aus einem Rührstück vor. Die fein gehackten Schalotten auf dem Holzbrett vor ihr verbreiteten eine direkt wilde Schärfe. Sie wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel, ohne den Mascara zu verwischen, zog die Nase hoch und suchte in ihrer wadenlangen Wachstuchschürze nach einem Taschentuch. Erst jetzt fiel mir auf, dass alle drei Frauen die gleichen schwarzen Leggings zu verschiedenfarbigen Pullovern trugen – Olivias war anthrazitgrau, Yvonnes blasslila, während sich die etwas kräftiger gebaute Bella für mutiges Dottergelb entschieden hatte.

„Er wurde vom Liebhaber seiner Frau aus dem Weg geräumt“, sagte Bella und goss die gegarten Pellkartoffeln ab.

„Er hatte eine Freundin und wollte seine Frau aus dem Weg räumen, aber sie ist ihm zuvorgekommen“, orakelte Yvonne und jetzt platzte Lückmann der Kragen. „Sie denken wohl immer nur an Ehebruch, oder?“

“Haben Sie entsprechende Beobachtungen gemacht?“ Ich dachte an Kitty Schlagers Aussage über Frau Degenharts Jogging-Tour.

„Nein, Schätzchen, wir denken immer nur an legalen Sex“, flötete Olivia und hielt Max eine Baguettescheibe mit einer undefinierbaren graubraunen Masse vor die Nase. „Liegt Beamtenbestechung vor, wenn man der Polizei ein Leckerchen anbietet? Grünkernaufstrich mit passierten Kapern und Cornichons, zum Beispiel?“