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Das Haus am Maikottenweg. Sieglinde Zürichers fünfter Fall

Der Tod der aus New York stammenden Bildhauerin Charlotte Campbell trifft Sieglinde Züricher besonders schwer. Sie kannte die junge Frau gut, die heimtückisch mit einer japanischen Steinlaterne erschlagen wurde. Im Laufe der Ermittlungen zeichnet sich aber ein völlig neues Bild der Amerikanerin. Sieglinde sucht nach dem wahren Grund für Charlottes Aufenthalt in Münster. – Ein spannender Fall, in dem nichts so ist, wie es scheint.

 

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Leseprobe

Am nächsten Morgen raffte Frau Wellertrup die Gardine beiseite, als pünktlich um acht Uhr fünf unserer uniformierten Kollegen mit Astor, dem Leichenhund, aus dem Mannschaftswagen stiegen.

Der ramponierte Rhododendron besaß weit ausladende Wurzeln, die sich im Lauf der Jahre zu einem flachen, aber stark verzweigten System ausgewachsen hatten, als wären sie vor Schädlingen oder einer aggressiven Materie zurückgeschreckt, die sich im Untergrund breit machte. Trotzdem leistete der Busch wenig Widerstand. Dürr und morsch, wie er war, löste sich der Stamm aus seinem Untergrund und verstreute sandige Brösel über Uniformhosen und Schuhe. Auch die Erde darunter wirkte so ausgelaugt, dass die Pflanze vielleicht nicht nur an Wasser- und Düngermangel zugrunde gegangen war. Die Kollegen warfen ihn achtlos beiseite und begannen, braunen Humus auszuheben. Eine Weile ging das recht flott, dann zeigte sich ein markanter horizontaler Farbwechsel. Der Untergrund wurde schwarz und torfig-schwer und als in etwa drei Metern Tiefe das Grundwasser erreicht wurde, brach man die Suche ab. Astor, der in demonstrativem Desinteresse den Maschendraht angepinkelt und abgeschnüffelt hatte, meldete jetzt energisch eine große „Gassirunde“ an, zu der sich Max breitschlagen ließ. Die Suchmannschaft holte Zigaretten und Getränke aus ihrem Wagen, jemand machte die Runde mit Schokoriegeln, erntete aber nur ein ironisches Grinsen. Und ich hockte auf der untersten Treppenstufe und wartete darauf, dass die Aktion weiter ging.

Bis spät abends hatten Max und ich darüber debattiert, wo wir anfangen sollten. Max hatte hartnäckig für den Rhododendron plädiert. Der gesteckte Spaten sei ein deutliches Signal, dass das, was Charlotte vorhatte, ihrem Mörder nicht gefiel. Für mich war genau dies die Stelle, wo ich zuallerletzt suchen würde. (…) Wir hatten auch überlegt, wie viel Schaden ein Verwesungsprozess im Boden anrichtete. War es nicht realistisch, wenn auch ziemlich makaber, von einem Düngeeffekt auszugehen? Während ich das sagte, stand mir der prächtige Bambus vor Augen, der die Gartenmitte dekorierte. Doch wir wären kein emanzipiertes Team gewesen, wenn Lückmann nicht seinen Dickschädel durchgesetzt und den Rhododendron als Punkt Eins auf die Tagesordnung gebracht hätte.

Jetzt tat er mir fast Leid, als er mit unwirscher Geste den Reißverschluss aufratschte und seinen schwarzen Anorak über den Maschendraht feuerte, wo er hängen blieb wie ein abgeschossener Rabe.

Die Schaufeln unseres Teams ließen eine Bahn aus Frust und Verdrossenheit zurück, als wir uns dem von mir so favorisierten Bambus näherten: Gut zwei Meter hoch und mindestens eineinhalb Meter im Umfang. (…)

Ein Meter fünfzig gab die Messlatte in dem durch unterirdische Ableger weitläufig ausgehöhlten Wurzelbett an, als die Schaufeln ein raschelndes Geräusch auslösten. Zwischen den Humus-Brocken wurde etwas glänzend Schwarzes sichtbar. Die Männer legten ihr Werkzeug weg und suchten mit den Händen weiter, zogen vorsichtig an dem Plastik, ohne einer konkreten Richtung folgen zu können. Demnach war die Folie sehr groß und sie gab ihre Öffnung nicht preis.

Ein letzter, energischer Griff und die schwarze Hülle hob sich mit theatralischem Rascheln. Das darunter verborgene Szenario hätte, auf den ersten Blick, jeden frühgeschichtlich interessierten Archäologen gefesselt. Leider befanden wir uns nicht an einer prähistorischen Grabstätte, sondern vor der vollständig skelettierten Leiche eines Menschen, der sicher gern den Beginn des dritten Jahrtausends erlebt und dazu, wenigstens auf den ersten Blick, gute Voraussetzungen mitgebracht hätte. Ein komplett erhaltener Schädel, ein vollständiges Gebiss, kräftig ausgebildete Schulterblätter, lange Arm- und Beinknochen. Nur klaffte in der Stirn ein Loch und von der Kranznaht bis zum Hinterhauptbein verliefen mehrere Brüche.