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... brenne auf mein Licht. Sieglinde Zürichers sechster Fall

Vor drei und vor sechs Jahren ist während eines Martinszuges ein Kind aus einem Münsteraner Pfarrkindergarten entführt und ermordet worden. Trotz intensiver Ermittlungen wurde der Täter nicht gefasst. Und nun kündigt ein unmissverständlicher Drohbrief einen dritten Fall an. Für Hauptkommissarin Sieglinde Züricher wird die Zeit eng, denn der Täter gibt der Polizei nur vierzehn Tage Vorsprung. Zusammen mit ihrem Kollegen Max Lückmann, einer pensionierten münsterischen Polizeipsychologin und einem Team des KK 12 für vermisste Personen und Kindesmisshandlung versucht sie, das neue Verbrechen zu verhindern. Doch der Täter ist gerissen, sehr gut informiert und er geht brutal vor. Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen verschwindet der dreieinhalbjährige Robin spurlos.

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Leseprobe

Um elf Uhr abends blies ein kalter Wind, der auf dem langen, gähnend leeren Kai noch beherzter losfegte und meine Knochen merkwürdig porös wirken ließ. Ich hatte unseren alten Kombi am Hafenweg geparkt und beim Aussteigen schnell das Gelände sondiert – niemand zu sehen. Ich klappte den Jackenkragen hoch und tigerte los. Der abnehmende und wie immer ein wenig ramponiert aussehende Mond warf blitzende Reflexe auf den Kanal, das Wasser wirkte wie vom Wind zerhackt und klatschte aggressiv gegen die Kaimauern. Besonders gut gefiel mir das alles nicht. Die reizlose Kulisse bekam einen noch zweifelhafteren Charakter, als die Tür zu einem der Hafenclubs aufging und sich ein hochgewachsenes, steifbeinig laufendes Strichmännchen plitschend in den Rinnstein erbrach. Die Beleuchtungskörper der Lokale fielen übrigens sehr individuell aus; eine kräftige Parkleuchte war ebenso vertreten wie müde Fassadenmurksen, die lange Schatten warfen.

Da ich in dieser diffusen Helligkeit keine Zielscheibe für Drossel oder wen auch immer abgeben wollte, drückte ich mich in den Schutz der Hauswände. Mit Lückmann war verabredet, dass er an der Ecke zur Dortmunder Straße auf Informationen wartete. (…)

Der Wind legte eine Pause ein und ich horchte angestrengt auf ein Lebenszeichen von Drossel, aber dann brach das Jaulen und Knattern auch schon wieder los, wie bei einem Motorboot, das ins offene Meer abdreht. Der Kanal, der mit ungeminderter Lust an seinem betonierten Ufer schmatzte, war die zweite lästige Lärmkulisse. Außerdem sorgte seine penetrante Gegenwart für einen Nebeneffekt, unter dem ich nur selten litt. Ich musste so dringend aufs Klo, als hinge meine Hand im kalten Wasser. Kurz entschlossen startete ich zu einem Sprint, an dem Holzlager vorbei, in Richtung auf die beiden Lokale am oberen Kaiende, deren Licht mir vertrauenswürdiger erschien als das Geflacker in den Nachtclubs. Außerdem lagen sie näher, ich musste mich nur seitlich am Zaun vorbeihangeln. Auf der Höhe des Holzdepots warf ich einen kurzen Blick nach links und glaubte, hinter der etwa einen Meter hohen Bretterwand, die als Absperrung diente, einen Punkt glimmen zu sehen - eine Zigarette, an der jemand zog. Dann war ich vorbei und hinter dem Zaun. Ich überlegte, ob Drossels Laden nach Tabak oder kalter Asche gerochen hatte, aber ich konnte mich nicht erinnern.

Als ich das Lokal wieder verließ, war es viertel vor zwölf und weit und breit keine Spielehändler zu sehen. Okay, Drossel, dachte ich, bis Null Uhr, aber keine Sekunde länger!

In diesem Moment entdeckte ich seine schmächtige Gestalt auf der Höhe des Holzlagers. Ich erkannte den stoppeligen Schädel, der, ein bisschen zu groß geraten, fast halslos zwischen den Schultern steckte. Er trug einen kurzen Blouson, der von den scharfen Böen aufgebläht wurde, während seine Hose um die dürren Beine schlotterte. Er ging zügig, mit steif nach vorn gerichtetem Kopf, und seine drahtige Gestalt mit dem durch die aufgeplusterte Jacke merkwürdig kugeligen Oberkörper und den sichelförmigen Beinen warf einen langen Schatten. Ich überlegte gerade, wie ich ihm klar machen könnte, dass sich im Holzlager jemand versteckt hielt, da machte Drossel plötzlich eine ruckartige Bewegung, als wäre er mit dem Kopf gegen ein Verkehrsschild geknallt, griff sich an die Brust und torkelte in Richtung Hafenbecken. Sein Körper vollführte eine Drehbewegung, als hätte ihn eine weitere Kugel getroffen, dann verschwand er von der Mauer und Wasser spritzte hoch.