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Auf der Promenade wartet der Tod. Sieglinde Zürichers vierter Fall

Eine Mordserie schreckt die Münsteraner Bevölkerung auf: An der Promenade werden grausam verstümmelte Leichen gefunden. Sieglinde Züricher von der Mordkommission soll den Fall aufklären, stößt dabei aber zunehmend auf Schwierigkeiten und Widerstände. Rätsel gibt ihr nicht zuletzt der neue Kollege auf: Warum legt er heimlich rote Rosen auf das Grab eines der Mordopfer? Woher kennt er Merkmale der Leiche, die er nie gesehen hat? Kennt er den Mörder? Trotz des Strudels aus Verdächtigungen und Misstrauen versucht Sieglinde Züricher die Wahrheit aufzudecken und bringt sich dabei selbst in große Gefahr …

Ursula Meyers vierter Fall mit Sieglinde Züricher überzeugt wieder einmal durch seine vielschichtige und spannungsreiche Handlung.

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Leseprobe

Als Tietze um sechs Uhr von seiner Odyssee durch das Bahnhofsviertel noch nicht zurück war, stellte ich unsere Telefonanschlüsse auf das Wachzimmer um. Ich parkte auf einem der Plätze, die für die Lehrer der Annette-Schule reserviert waren, und durchquerte die Promenade. Es wurde schon dunkel, die Straßenlaternen brannten, und jene Spaziergänger, die das leidlich warme Wetter bis in die Dämmerung genutzt hatten, verließen fluchtartig das Gelände. Die Angst ging um, und Angst prägte auch das Gesicht der alten Frau, die mir ihre Tür öffnete. Sie verriegelte sofort wieder, warf sicherheitshalber noch einen Blick durch den Spion und verschwand mit meinem Mantel, um ihn an einer obskuren Stelle unterzubringen. In einem Zimmer ihrer geräumigen Wohnung, das offenbar dem Essen und Fernsehen vorbehalten war, saß eine zweite Frau, ebenso weißhaarig wie Frau Kämmerling, aber größer und fülliger als sie. Sie stellte sich als Nachbarin vor und fragte, ob es mich störe, wenn sie da bliebe. War es ein Wunder, dass die Bevölkerung besorgt, aber auch neugierig reagierte, wenn vor ihrer Haustür ein brutaler Mord geschah, schnell, spurenlos, lautlos?

Dabei fiel mir der Schrei wieder ein. Um viertel nach zwölf hatte Frau Kämmerling ihn gehört. „Die Stimme einer Frau?“

Sie zögerte. „Deshalb wollte ich Sie so dringend sprechen. Nachdem Sie heute Morgen weggefahren waren, ist mir eingefallen, dass ich den gleichen Schrei später noch einmal gehört habe. So gegen halb sieben. Deshalb denke ich, dass es vielleicht ein Tier war. Ein Vogel drüben vom Wassergraben. Ich habe deswegen sogar meinen Enkel angerufen. Er studiert Zoologie und er meint, es könne auch eine Katze gewesen sein. Bestimmt hat er das gesagt, um mich zu beruhigen, aber vielleicht ist ja doch etwas dran.“

Ihr Blick fiel erwartungsvoll auf mich, und ich wusste, was sie dachte. Der Schrei einer um ihr Leben kämpfenden Frau würde schwer auf ihr lasten, der eines Tieres wäre schnell wieder vergessen.

Als ich schwieg, drängte sie weiter. „Die Gerichtsmediziner können doch die Todeszeit genau feststellen, nicht wahr? Wenn sich nun herausstellte, dass diese Frau schon um zwölf gestorben ist, wäre das, was ich gehört habe, doch völlig belanglos, oder?“

„Ja, natürlich. Es ist gut möglich, dass Sie ein Tier gehört haben.“ Zwecklos, ihr klarzumachen, dass durch eine Autopsie die Todeszeit nur annähernd bestimmt werden konnte. Fand man eine Leiche erst nach Wochen, betrug der Ermessensspielraum mehrere Tage.

Sie lächelte erleichtert. „Ach, da bin ich aber froh. Wissen Sie, je länger ich über diesen Schrei, oder was immer das war, nachdenke, desto weniger glaube ich, dass der Mord zu dieser Zeit passiert ist. Schließlich waren ja noch Leute auf der Promenade unterwegs.“

„Sie haben jemanden gesehen? Um viertel nach zwölf?“ Ich war auf der Hörster Promenade unterwegs gewesen. …

„Kommen Sie mit.“ Sie griff nach ihrem Stock.

Natürlich trippelte auch die Nachbarin hinterher, ob das Frau Kämmerling nun gefiel oder nicht. Die Hausherrin umrundete mit energischen Schritten ein ausladendes Doppelbett, das in mir entfernte Erinnerungen an das Schlafzimmer meiner Großmutter weckte. Ein massives Bettgestell mit hohem Rand, dessen rechte Hälfte zugedeckt blieb, weil sie dem im Krieg gefallenen Großvater gehört hatte. Ein altarartiger Kopfteil aus demselben düsteren Holz, dazu passende Nachttische und die Frisierkommode unter dem blind gewordenen Spiegel. Auf der Glasplatte das übliche Trio: Bürste, Kamm, Kristallzerstäuber mit seidiger Troddel.

Vor den Sprossenscheiben bauschten sich blickdichte Gardinen. Frau Kämmerling raffte sie beiseite.

„Da unten am Wasser sind sie hergegangen.“ Auch die Nachbarin reckte die Nase.